Home » Von der Schwierigkeit nach links zu reiten

Von der Schwierigkeit nach links zu reiten

Pferd_im_Sonnernuntergang

Ganz ehrlich, ich nehme es gleich mal vorweg, die Überschrift könnte ebenso lauten: Von der Schwierigkeit nach rechts zu reiten. Aber für eine Seite musste ich mich ja entscheiden.

Das ist eine Geschichte über meine Erfahrung als Reitlehrerin für Reitanfänger. Und es ist gleichzeitig eine Reise auf der Suche nach richtigen, oder zumindest guten Antworten auf die Frage „Und wie lenke ich jetzt?“.

Lasst uns damit beginnen, das Wort „lenken“ zu verbannen. Für uns Reiter klingt es wie ein Unwort, wobei das, was unsere nicht fachkundigen Mitmenschen wissen wollen, eine Selbstverständlichkeit darstellt – das Abwenden. Wir können es in weiten und engen Bögen, in der Versammlung oder am langen Zügel, oft reicht schon eine unterbewusste Gewichtsverlagerung oder der Blick in eine Richtung und unser Pferd reagiert, als würde es zu unserem Körper gehört, und geht in die angestrebte Richtung.

Ganz anders bei unseren lieben Reitanfängern. Das Pferd, selbst das bravste im Stall, lässt sich nicht vom Schweif des Vordermanns abwenden, läuft unbehelligt geradeaus, auch wenn die Trense schon halb durchs Maul in eine Richtung gezogen wird und biegt vom Zirkel ab quer durch die Halle, selbst wenn wir uns ganz sicher sind, dass auch das Pferd weiß, dass der Zirkel eigentlich rund ist.

Wir wissen, dass die Schuld beim Reiter liegt, wenn man hier überhaupt die „Schuldfrage“ stellen will. Die beiden sprechen einfach noch nicht die gleiche Sprache und uns ist klar, wer nicht deutlich mit seinem Pferd spricht (also klare Hilfen gibt), befindet sich schnell auf verlorenem Posten. Der Anfänger, ganz von seiner Unschuld überzeugt, schreit empört in die Hallenmitte, dass er ja eh schon tut, aber das „Vieh“ einfach nicht will.

Wir müssen also (nochmals) erklären, wie man abwendet und das ist nicht einmal so einfach. Ich persönlich finde es bei kleinen Kindern noch leichter, da kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren zu sagen, zieh am linken Zügel, wenn du nach links willst. Wir wissen, dass das nicht korrekt ist, aber für die Kleinen reicht es im ersten Schritt und die Komplexität der Erklärung würde sie überfordern. Schwieriger ist es bei Jugendlichen oder Erwachsenen, denen man verständlich die korrekte Hilfegebung lernen will.

Kurz zusammengefasst würde es so klingen: Blick in die Richtung, in die gewendet werden soll, leichte Gewichtsverlagerung nach innen, ohne in der Hüfte einzuknicken, Schultern in Bewegungsrichtung mitgedreht, der innere Schenkel treibt am Gurt, der äußere Schenkel liegt verwahrend eine Handbreit hinter dem Gurt, der innere Zügel gibt die Stellung vor, zieht aber nicht und der äußere Zügel begrenzt die Schulter my latest blog post. Das ist alles richtig, aber mein verzweifelter Anfänger hat drei große Fragezeichen in den Augen und reitet noch immer nicht nach links. 

Wo liegt also der Mittelweg, zwischen dem, was ich nicht sagen will („zieh mal an“) und dem, was in den Kopf meines Schülers nicht hinein will? Meine Antwort darauf ist: Dort, wo ich den Reitanfänger nicht überfordere und dem Pferd nicht schade. Natürlich predige ich, ab der ersten Reitstunde, dass Hilfen nie alleine wirken, sondern immer ein Zusammenspiel notwendig ist. Doch der Weg dahin muss schrittweise erfolgen, vielleicht mit einer neuen „Zutat“ pro Reitstunde. Und bis dahin ist Geduld angesagt, bei mir, beim Pferd und beim Reitanfänger, der geradeaus davongetragen wird.

Katharina Pühringer

http://www.reiterbund-wels.at
Katharina ist seit Kindesbeinen mit Pferden vertraut. Trotz ihres Praktikums in einem Springpferde-Verkaufsstall in Irland in der Jugend, hat sie sich später immer stärker dem Dressursport gewidmet und nimmt auch heute aktiv an Turnieren teil. Neben dem Sport liegt ihr auch die Ausbildung von Pferd und Reiter sehr am Herzen. Als Übungsleiter FENA unterrichtet sie vor allem Reitanfänger in Rahmen ihrer ehrenamtlichen Vereinstätigkeit. Die Pferdeausbildung betreffend bildet sie sich in unterschiedlichen Ansätzen des Natural Horsemanship, aber auch in der klassischen Dressur immer weiter fort und versucht beide Welten miteinander zu verbinden.